Der König der Löwen

Warum Kino-Blockbuster verdächtig oft älteren Filmen und Comics ähneln – und dennoch meist damit durchkommen - Foto ©Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Alles nur geklaut?

König der Löwen, Findet Nemo & CO

Ein sprechender Teddybär mit einer Vorliebe für harte Drinks, weiche Drogen und billige Prostituierte? Der zudem so flucht, dass selbst ein Quentin Tarantino rote Ohren bekommen würde? Keine Frage: Das kann nur Ted sein. Die Hauptfigur der gleichnamigen Filmkomödie sorgte für den Kinoüberraschungshit 2012. Das Problem: Der pelzige Antiheld ist leider nicht der Einzige, auf den obige Beschreibung passt. Im Juli 2014 legte die kleine US-Produktionsfirma Bengal Mangle in Kalifornien Klage wegen Urheberrechtsverletzung ein. Der Vorwurf: Die Figur Ted basiere auf einer Kreation von Bengal Mangle, nämlich Charlie the Abusive Teddy Bear (zu Deutsch etwa: Charlie, der beleidigende Bär).

Charlie ist schon seit 2009 in kurzen Sketchen im Internet zu sehen und zeigt in der Tat auffällige Parallelen zu Ted. "Substanziell ähnlich in Charakter, Sprache (...) und Haltung“, wie es in der 16-seitigen Klageschrift formuliert wird. Ein großer Fall für die Juristen, allein im Kino hatte "Ted“ weltweit insgesamt sagenhafte 550 Millionen Dollar eingespielt.

"TED" ist nicht der einzige Blockbuster

"TED“ Ist nicht der einzige Blockbuster, der verdächtige Ähnlichkeiten zu früheren, meist weniger bekannten Filmen, Serien und Comics aufweist. Wer die vielen Beispiele – von "König der Löwen“ bis "Inception“ – sieht, dessen spontane Reaktion ist eindeutig: Ideenklau! Doch wurde hier tatsächlich kopiert? Wenn ja, war es illegal? Und: Wann hat ein Kläger Aussicht auf Erfolg?

"Eine Idee kann nicht geschützt werden“, sagt Eleanor M. Lackman. "So steht es im US-Urheberrechtsgesetz. Das umfasst auch Filmideen.
“Lackman ist Partnerin der US-Kanzlei Cowan DeBaets Abrahams & Sheppard und auf Copyright und Markenrecht spezialisiert. Sie vertritt unter anderem Hollywood-Studios und Filmproduzenten. "Damit ein Kläger erfolgreich ist“, so die Anwältin im Gespräch mit TV DIGITAL, "muss nicht nachgewiesen werden, dass seine Idee verwendet, sondern dass sein Werk substanziell reproduziert wurde.“ Entscheidend sei, so Lackman weiter, wie ähnlich sich der Ausdruck zweier Ideen ist. Überprüft werde das Gesamtpaket: Handlung, Atmosphäre, Genre, Figuren usw. Die Logik dahinter: Es ist vor allem die Ausarbeitung und Umsetzung einer Idee, die Zeit und Mühe kostet. Und diese Arbeit soll geschützt werden.Ein Kläger muss zudem nachweisen, dass der mutmaßliche Nachahmer Zugang zur Quelle gehabt haben kann. Diese Hürde ist meist leichter zu nehmen.

Im Fall von "Ted“ ist es eine Formalität: "Charlie the Abusive Teddy Bear“ war unter anderem auf der beliebten Website Funny or Die zu sehen. Gut möglich, dass der "Ted“-Macher, Comedian Seth McFarlane, Charlie dort gesehen hat.

Die Geschichte des Ideenklaus

Die Geschichte des Ideenklaus in Filmen ist praktisch so alt wie das Medium Kino. Schon 1922 drehte etwa der deutsche Regisseur F.W. Murnau „Nosferatu“, eine nicht autorisierte Adaption des Vampir-Romans "Dracula“. Aus dem Blutsauger Dracula wurde im Film Graf Orlok – illegal war es trotzdem. Inzwischen sind die Rechte an dem 1897 geschriebenen Roman "Dracula“ abgelaufen. Und so erwarten uns allein in diesem Jahr noch zwei neue Adaptionen: die US-Serie "Dracula“ (20.10., 22.10 Uhr, Vox) und der Kinofilm "Dracula Untold“ (ab 2.10.).

Doch selbst für Stoffe, die eigentlich noch urheberrechtlich geschützt sind, gilt: Kopie ist nicht gleich Kopie. Andy Millmore ist Experte für Streitfragen um geistiges Eigentum der britischen Kanzlei Harbottle & Lewis, die US-Studios wie Universal und Dreamworks vertritt. Im Gespräch mit TV DIGITAL erklärt Millmore: "Ein paar Jahrzehnte können den Unterschied aus-machen, ob etwas als dreiste Kopie gesehen wird oder als liebevolle Hommage.“ Die Übergänge sind fließend. Sich von bestehenden Werken inspirieren zu lassen, ist das Fundament des kreativen Schaffensprozess. Die US- Serie "The Twilight Zone“ (1959–64) etwa lieferte mit ihren Sci-Fi- und Mystery- Episoden die Blaupause für eine Vielzahl späterer Block-buster – von "Poltergeist“ bis "Die Truman Show“, von "The Village“ bis „Final Destination“. Und Filmemacher Quentin Tarantino ("Pulp Fiction“) gibt offen zu, für seine Filme obskure Werke unterschiedlichster Epochen und Kulturkreise zu plündern.

Für den Rechtsexperten Andy Millmore ist Tarantino auf der sicheren Seite: "Wenn ich 50 Quellen habe und mich von jeder ein wenig inspirieren lassen habe, dann habe ich sehr wahrscheinlich keine davon substanziell reproduziert. Und darauf kommt es an." Was nicht heißt, dass nicht trotzdem geklagt wird. "Unter Anwälten gibt es ein geflügeltes Wort: ,When there’s a hit, there’s a writ‘“, erklärt Jurist Andy Millmore. Zu Deutsch: Wird etwas zum Erfolg, ist die Klage nicht weit. "Die Entertainmentbranche ist von allen Branchen wahrscheinlich die mit den meisten Beschwerden, die erhoben werden, die aber gleichzeitig am Ende am wenigsten Erfolg haben.

Miserable Bilanz

"Die miserable Bilanz hängt auch damit zusammen, dass sich Filmprojekte frühzeitig immer besser absichern. Vor allem solche, die befürchten, wegen Ähnlichkeiten zu früheren Werken verklagt zu werden. US-Rechtsexpertin Eleanor M. Lackman weiß: "Wenn ein Film entwickelt wird, gibt es nicht selten eine ganze Mannschaft von Anwälten, die sicherstellen soll, dass so was nicht passiert.“ Sprich: Mithilfe von Juristen wird eine Story so fein getunt, dass sie vor Gericht möglichst unangreifbar ist. Doch meist kommt es gar nicht so weit. Copyright-Prozesse in den USA sind langwierig (mindestens eineinhalb Jahre) und damit sehr teuer. Nicht jeder kann sich das leisten. "Wegen der hohen Verfahrenskosten“, erklärt Eleanor M. Lackman, „enden in den USA 90 Prozent aller Prozesse – nicht nur im Urheberrecht – letztlich mit einem Vergleich. Werden sich beide Parteien einig, wird über die Konditionen meist Stillschweigen vereinbart.“ Manchmal einigt man sich sogar, bevor ein Anwalt eingeschaltet und Klage eingereicht wurde. Gut möglich also, dass es bei einigen der auf diesen Seiten genannten Beispielen eine solche geheime Einigung gab. Vielleicht schlug ja im Fall von "Ted“ eine außergerichtliche Einigung fehl. Jedenfalls ist schwer zu verstehen, warum erst jetzt, zwei Jahren nach der Kinoauswertung, geklagt wurde.

Neville Johnson, der Anwalt des Klägers, lehnte gegenüber TV DIGITAL eine Stellungnahme ab. Doch auch er weiß: Jetzt geht es für seinen Mandanten nur noch um Geld aus der DVD-, VoD- und TV-Auswertung. Aber neues Geld ist in Sicht: Eine Woche, bevor die Klage eingereicht wurde, gab Seth McFarlane über Twitter den Drehstart zu "Ted 2“ bekannt. Hat die Klage Erfolg, könnte es dann um noch höheren Schadensersatz gehen.

Das Gericht entscheidet

„Die Latte für eine erfolgreiche Klage liegt ziemlich hoch“, erklärt Eleanor M. Lackman. "Entscheidend ist, ob sich beide Werke substanziell ähneln. Die Richter müssen keine Filmexperten sein, sondern werden aus der Perspek-tive eines gewöhnlichen Betrachters beide Werke in Ruhe anschauen.“ Schöne Vorstellung: Ehrenwerte Richter, die, in Roben gekleidet, im Richterzimmer Platz nehmen, um bei Popcorn Problembären zu-zusehen, wie diese übers Kiffen und Blow-jobs philosophieren. Klingt fast wie die Story des nächsten großen Comedyhits. Das Beste daran: Die Rechte an dieser Filmidee sind noch frei.

Beispiel: König der Löwen

Wurde für einen der beliebtesten Disney-Filme abgekupfert? Wie auch in "König der Löwen“ (1994) muss in der japanischen Animeserie "Kimba, der weiße Löwe“(1965–66) ein junger Löwe das Erbe seines toten Vaters antreten. Dieser erscheint ihm manchmal als Geist im Himmel. Hilfe gibt es von einem weisen Affen. Auffällig die Namensähnlichkeit Kimba/Simba.

Beispiel: Findet Nemo

Vergeblich hatte Franck le Calvez in den 90er-Jahren vielerorts sein Drehbuch angeboten. Im Jahr 2002 machte er daraus ein Kinderbuch: "Pierrot le Poisson-Clown“. Darin wird ein Clownfisch zur Halbwaise – wie im Pixar-Hit "Findet Nemo“ (2003). Le Chavez klagte erfolglos.

Beispiel Inception

"Inception“ (2010) von Christopher Nolan gilt als einer der originellsten Kinohits überhaupt: Diebe infiltrieren die Träume eines reichen Firmenchefs. Kleines Manko: Schon 2002 wollen die Panzerknackerauf diese Art im Comic "The Dream of a Lifetime“ Dagobert Duck bestehlen

Artikel vom 16. September 2014

Autor: Michael Tokarski