Screening Room

Kommen die Blockbuster bald zum Kinostart ins eigene Wohnzimmer? Wenn es nach "Screening Room" geht, dann ja! Foto © Getty

Start-up "Screening Room": Kommt das Kino nach Hause?

Blockbuster zum Kinostart ins eigene Wohnzimmer

Ein Start-up will Filme zum Kinostart ins Wohnzimmer streamen – und sorgt für Aufruhr in Hollywood.



SEAN PARKER: 1999 gründete der heute 36-Jährige die Musiktauschbörse Napster, 2004 beteiligte er sich an Facebook. 2009 investierte Unternehmer Parker in Spotify. Sein Vermögen: rund drei Milliarden Dollar.

Wird das nun die Rettung des Kinos – oder sein Untergang? Erst einmal ist es nur eine Idee: Warum sollen Menschen nicht einen Film bereits an dem Tag zu Hause auf dem Fernseher anschauen können, an dem er ins Kino kommt? Die US-Firma Screening Room will genau das möglich machen, mit einer kleinen Box für 150 Dollar, auf die der Film über das Internet geschickt wird. Dann darf man ihn innerhalb von 48 Stunden so oft ansehen, wie man möchte, pro Film soll das 50 Dollar kosten. Das ist zwar mehr, als zwei Personen für einen Kinobesuch ausgeben, dafür erspart man sich die Fahrt in die Stadt, das Schlangestehen an der Kasse – und den Sitznachbarn, der bei den besten Szenen mit der Chipstüte raschelt. Aber man verzichtet eben auch auf die große Leinwand, auf das Erlebnis Kino.

DASS SCREENING ROOM seit ein paar Wochen halb Hollywood in Aufregung versetzt, liegt wohl weniger an der Idee als solcher als vielmehr an dem Mann, der sie hatte: Sean Parker ist neben Partner Prem Akkaraju der Kopf der Firma. Der 36-jährige Parker erfand das Musikstreaming-Portal Napster, das, bis es geschlossen wurde, vor allem als Raubkopien-Tauschbörse berühmt wurde. Anschließend war er Präsident bei Facebook, bis er mit Kokain erwischt und zum Rücktritt genötigt wurde. Mit einem geschätzten Vermögen von rund drei Milliarden Dollar gilt Parker heute als einer der cleversten Köpfe der Generation Internet. Ohne seinen Namen wäre Screening Room wohl nur ein Start-up unter vielen.

Dass Sean Parker bis heute keinen Kommentar zu dem neuen Unternehmen abgegeben hat, ist ein kluger Schachzug: Er lässt lieber andere sprechen. Und zwar richtig große Namen: Mit Steven Spielberg, J.J. Abrams, Brian Grazer und Ron Howard gehören einige der prominentesten Regisseure zu den Förderern von Screening Room. "Nur einige von ihnen haben Geld investiert, aber alle sind Teilhaber", berichtete das Branchenmagazin "Variety" voller Ehrfurcht.

"Das wird das Publikum für einen Film vergrößern."
Peter Jackson, Regisseur ("Der Hobbit")

Von einer Bedrohung für das Kino will Regisseur Peter Jackson, der ebenfalls dazuzählt, nichts wissen: "Screening Room wird das Publikum für einen Film vergrößern." Natürlich brachten sich in kürzester Zeit auch Screening-Room-Gegner in Stellung – allen voran "Avatar"-Regisseur James Cameron und sein Produzent Jon Landau. Es sei "wichtig für Filme, zum Start exklusiv im Kino zu laufen, vom kreativen und vom finanziellen Standpunkt" aus gesehen. Kurz darauf stimmte Roland Emmerich auf Twitter ein, es sei "entscheidend, dass wir das Kinoerlebnis schützen".

Tatsächlich geht es dabei natürlich auch ums Geld, genauer: um die Verwertungskette (siehe Grafik). Denn wie lange ein neuer Film wo und wie gezeigt werden darf, ist ein sensibles Konstrukt, das die bestmögliche Vermarktung garantieren soll. Dem Kinostart, auf den sich praktisch die gesamte Werbung und die PR konzentrieren, kommt dabei geradezu magische Bedeutung zu. Ob ein Film als Flop gilt oder als Kassengold, wird an den Zuschauerzahlen der Kinos gemessen. Erst sechs Monate nach der Premiere darf er auf DVD oder bei Online-Verleihdiensten erscheinen.



SCREENING ROOM KÖNNTE dafür sorgen, dass sehr viel mehr Menschen als bisher einen Film sehen, der gerade im Gespräch ist. Gleichzeitig würden aber dazu womöglich sehr viel weniger Menschen ins Kino gehen. 20 Dollar der Leihgebühr eines gestreamten Films, so heißt es, will Parker an die Kinos zahlen, im Preis inbegriffen sind außerdem zwei Eintrittskarten – damit sollen die Lichtspielhausbetreiber wohl besänftigt werden. Offenbar hat der mit rund 8400 Leinwänden führende US-Kinobetreiber American Multi- Cinema (AMC) bereits seine Kooperation zugesagt. Die Art House Convergence wiederum, ein Verband von 600 Programmkinos, läuft Sturm gegen Screening Room und warnt in einem offenen Brief davor, dass sich "gestohlene Inhalte wie ein Lauffeuer verbreiten" könnten.

Ganz unbegründet scheint diese Sorge nicht. Zwar soll die Box über einen nicht näher definierten Kopierschutz verfügen, aber was könnte Raubkopierer davon abhalten, ihn zu knacken oder einfach den Fernsehbildschirm abzufilmen und einen Blockbuster zum Kinostart ins Internet zu stellen? Andererseits landet auch schon heute so gut wie jeder Film zum Start im Netz – so viel schlimmer kann es also nicht mehr werden.

REIN TECHNISCH steht dem Konzept von Screening Room jedenfalls nichts im Wege, schließlich kann man Filme von Netflix oder Amazon längst sogar im ultrahochauflösenden 4K-Format über das Internet auf den Fernseher streamen. Ob geplant ist, Screening Room nach Deutschland zu exportieren, ist ungewiss. Vorsorglich hat sich der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF) aber bereits in einer Stellungnahme dagegen gewandt: "Es bleibt zu hoffen, dass die Filmwirtschaft sich an dieser Selbstkannibalisierung nicht beteiligt." HDFVorstand Dr. Matthias Leonardy hält Sean Parkers Pläne für "sehr experimentell": "Das Modell würde sich bei uns wohl nicht durchsetzen. Denn damit käme das ganze System in Bewegung. Könnten die Kinos noch die Verleihgebühren aufbringen?" Für ihn ist "die prominente Gefolgschaft" das einzig Neue an dem Vorschlag.

Vorstöße, am "heiligen" Kinostart zu rühren, gab es nämlich bereits – von Erfolg gekrönt waren sie nicht. Als der Regisseur Steven Soderbergh 2006 eine "Day and Date"- Veröffentlichung mit "Bubble" ausprobierte, erschien der Film zeitgleich auf der Leinwand, auf DVD und im US-Kabelfernsehen. Im Kino spielte er gerade mal 145.000 Dollar ein – die Filmtheater hatten sich nämlich abgesprochen, ihn zu boykottieren.

DIE FIRMA PRIMA CINEMA bietet seit zwei Jahren an, Filme zum Kinostart zu Hause zu schauen. Allerdings kostet allein der Empfänger hier 35.000 Dollar. Pro Film werden dann 500 Dollar fällig. Doch nicht nur im Preis unterscheidet sich dieses Modell von Screening Room, auch in der Prominenz der Unterstützer: Zu den bekanntesten Kunden von Prima Cinema sollen Reality-TVQueen Kim Kardashian und ihr Ehemann Kanye West gehören.

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Artikel vom 18. Mai 2016

Autor: Michael Fuchs